Das historische Prinzip des Leistungssports

Fair-Play und gegenseitiger Respekt im Wettkampf – ein guter Gedanke! Aber sieht die Wirklichkeit nicht anders aus? Sportler wollen gewinnen. Um jeden Preis? Nein – so war es nie, nicht um jeden Preis. Zum gestrigen 70. Todestag des heimlichen „Helden“ der Olympischen Sommerspiele 1936 Luz Long, überprüft unser Autor, was heute von seinem Verständnis der Fairness und des gegenseitigen Respekts noch übrig geblieben ist. Ein vergleichendes Porträt zweier Vorzeigeathleten.

Christian Reif ist ein echter Vorzeigeathlet: Er lebt das klassische Sportideal und legt Wert auf einen respektvollen Umgang unter den Wettkämpfern. Der 1,96 Meter großgewachsene, blonde Sportler ist leidenschaftlicher Weitspringer und verbuchte schon große Erfolge. Dem Athleten, der seit 2013 für den LC Rehlingen startet, reicht es nicht, wenn er weit springt. Er will den „perfekten Sprung“ und das heißt für ihn: weit, begeisternd, gelungen in einer Atmosphäre der Fairness.

Typen wie ihn hat es immer gegeben. Jesse Owens gelang 1936 bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin genau dieser perfekte Sprung. Unter den Augen Adolf Hitlers gewann der farbige US-Amerikaner gleich vier Goldmedaillen und schürte so des Führers Zorn. Denn er besiegte den deutschen Vorzeigeathleten, den blonden, großgewachsenen Carl Ludwig „Luz“ Long. Und nicht nur das: Longs Niederlage war zugleich ein Sieg der Fairness und des Respekts.

Ein Sieg für die Menschenwürde

ChrisReif
© Christian Reif

Christian Reif ist auch so einer: Respekt ist für ihn die Grundeinstellung anderen Athleten gegenüber, über nationale und kulturelle Grenzen hinweg, gerade bei internationalen Wettkämpfen. Reif will siegen, aber manchmal kann etwas anderes entscheidender sein. Im Weitsprung war das Duell Luz Long gegen Jesse Owens 1936 an einem dramatischen Höhepunkt angelangt. Favorit Owens nervös; Fehlversuch; sein zweiter Versuch nicht weit genug; ein Versuch bleibt ihm noch, ein Versuch, mit etwa 50 Metern Anlauf ein zwei Hände breites Brett zu treffen. Das ist die Stunde von Luz Long. Er will unbedingt siegen, doch nicht nur das: In einem kurzen Moment der Zweisamkeit mit dem Konkurrenten gibt er ihm einen Tipp: „Spring früher ab“, markiert zudem die Absprungmarke mit einem Handtuch. Owens läuft an, springt, qualifiziert sich, springt im Finale olympischen Rekord, gewinnt Gold. Long bleibt Silber und holt den Europarekord. Das olympische Duell verliert er, erringt aber einen historischen Sieg für die Fairness und einen Sieg über Diskriminierung und Ideologie.

Owens hat das später so formuliert: „Selbst wenn man alle meine Medaillen und Pokale einschmelzen würde, könnten sie die 24-Karat-Freundschaft, die ich in diesem Moment für Luz Long empfand, kein bisschen goldener machen.“ Reif wird nicht gerne mit Owens und Long verglichen, schmunzelt aber darüber. Und es stimmt ja: Auch er war öfter mal der faire „Verlierer“, aber auch der, dem immer wieder der „perfekte Sprung“ gelang.

Christian Reif auf dem Sprung zum Titel

Dies geschah beispielsweise am 30. Juli 2010, Schauplatz: Olympiastadion in Barcelona, Europameisterschaften, Weitsprungqualifikation. Reif mit einem Fehlversuch im ersten Durchgang; sein zweiter Versuch nicht weit genug. Wie bei Owens im Finale stehen 7,87 Meter auf der Anzeigetafel. Reif behält die Nerven, springt im dritten Versuch 8,27 Meter und sichert sich die Finalteilnahme. Anderntags das Finale: Erster Versuch von Reif: ungültig; zweiter Versuch: zu kurz; ein Versuch bleibt, um in den Endkampf zu kommen.

Reif ist angespannt. Niemand hilft, gibt einen Tipp. Da ist nur Christian Reif selbst. Er und die Gewissheit, mit diesem Druck umgehen zu können: „Ich brauche Ruhe und Gelassenheit, sowie Selbstvertrauen, um in den sechs Sekunden vom Anlaufen bis zum Abspringen, bis zur Landung, einen Sturm entfachen zu können“, sagt der heute 29-Jährige. Dann ist es so weit: Der dritte Versuch. 8,47 Meter; Europameisterschafts-Rekord! Ein Sturm der Begeisterung fegt durch das Olympiastadion. Christian Reif führt; realisiert seine Weite, geht in die Knie und schreit seine Erleichterung in den spanischen Nachthimmel hinein. Keiner seiner Konkurrenten kann diese Weite noch überbieten. Der Europameister heißt Christian Reif.

Siege und Niederlagen

Anders als 76 Jahre zuvor wird der Dunkelhäutige, der Franzose Kafétin Gomis, das Stadion als Unterlegener, als Silbermedaillengewinner verlassen. Der deutsche Vorzeigeathlet hat sich gegen den vermeidlichen Favoriten durchgesetzt, ohne die Hilfe einer seiner Konkurrenten. Dennoch überwiegen die Parallelen, die Luz Long und Christian Reif miteinander verbinden. Schon vor diesen Großveranstaltungen konnten die Weitspringer überzeugen. Beide springen viele Rekorde, werden mehrfach Deutscher Meister und erreichten vordere Platzierungen bei internationalen Großereignissen.

Reif kennt auch Tiefschläge: Er ist oft verletzt, verpasste die Olympischen Sommerspiele 2008 und die Heim-WM 2009 in Berlin. Ehrgeizig trainierte er nach seinem Muskelfaserriss wieder sehr hart. Er vermisste die Wettkämpfe und die Konkurrenten. Würde er ihnen aber auch, wie damals Long, im Wettkampf helfen? „Ob man jemandem heute im Wettkampf Tipps gibt, da muss man ganz ehrlich sein, kommt natürlich auf die Wichtigkeit des Wettkampfes an. Es kommt drauf an, wie stark die Konkurrenz einzuschätzen ist.“ Er betont es noch einmal: „Da muss man schon ehrlich sein.“ Trotzdem ist Reif beliebt. Im Training hilft er seinen Trainingspartnern und auch der Konkurrenz gerne. Schließlich hofft er auch, dass er Tipps zurückbekommt. Oft komme dies auch vor, „da muss es gar nicht mal spezifisch um Weitsprung gehen“, fügt er hinzu.

Sport kann Grenzen überwinden

Vor Wettkämpfen hat er es gerne ruhiger und lässt sich vom Fernsehen berieseln. Oder er kümmert sich um sein Studium. Dann ist er auf einem ganz anderen Level, muss etwas für seinen Kopf tun, für seinen Master in Sportmanagement. Für den Körper sei das auch mal nicht schlecht. Wenn ihm etwas gut gelingt, möchte er andere gerne daran teilhaben lassen. Mit seinen Sprüngen über acht Meter sammelt er regelmäßig Spenden für eines seiner Projekte. „Ich bin froh, dass der Sport mir diese Chance gibt.“ Das Kinderhospiz Sterntaler e.V. und die Aktion „Starke Kids sind fair“ liegen ihm dabei besonders am Herzen. Es sind Projekte mit Kindern, „weil sie doch so unschuldig sind.“

Da ist wieder der Fair-Play-Gedanke, eine Überzeugung, die Long sich auch durch die Gegenwart der nationalsozialistischen Spiele nicht hat nehmen lassen. Jesse Owens formuliert es in einem Interview: „Es braucht sehr viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir anzufreunden. […] Hitler muss wahnsinnig geworden sein, als er uns umarmen sah. Das Traurige an der Geschichte ist, dass ich Long nie mehr gesehen habe. Er wurde während des Zweiten Weltkriegs getötet.“ Dennoch lebt die Erinnerung an ihn auch 70 Jahre nach seinem Tod weiter.

Sport kann die Grenzen politischer Systeme überwinden und Sport ist oft auch Politik. Christian Reif ist Mitglied der Jungen Union, ist Testimonial in einer Mitgliederwerbekampagne des CDU-Bundesverbandes gewesen und durfte sogar „ein bisschen mit deutsche Geschichte schreiben“, erzählt er, denn die Landesvertretung von Rheinland-Pfalz lud ihn ein, den Bundespräsidenten mitzuwählen. Die Politik sucht sich gerne die Vorbilder im Sport. Einen „Seitenwechsel“ in die Politik mag sich Reif (noch) nicht vorstellen, sein nächstes Ziel ist der nächste perfekte Sprung. Vielleicht schon bei den Weltmeisterschaften im August 2013 in Moskau.

Erschienen auf: f1rstlife

Daniel Schüler

Geboren im Westerwald hat es Daniel für den Studiengang Journalistik nach Köln gezogen. Erste Praxiserfahrungen sammelte er bereits zuvor bei der Rhein-Zeitung, für die er heute noch als freier Autor tätig ist, oder beim SWR. Während seines Studiums lernte er zudem die praktischen Abläufe bei Radio RPR1, dem ARD Morgenmagazin, der ARD Sportschau, dem ZDF und stern TV kennen. Dies hilft ihm auch bei seinen Moderationen. Darüber hinaus betreut Daniel aktuell die Social Media-Auftritte der Olympiamannschaft für den DOSB.

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