Wer nichts tut, macht mit

Sport kann so vieles: Stürme der Begeisterung entfachen; für Gänsehaut-Momente sorgen; Zusammenhalt schaffen und stärken. Sport kann verbinden. Oder alles trennen. Denn in der Studie „Dysfunktionen im Spitzensport“ räumten anonym befragte Athleten den Gebrauch von Dopingmitteln sowie Manipulation ein. Eine Studie, die nicht nur Millionen von Sportfans wie ein Paukenschlag traf und bis tief ins Mark erschütterte. Nun soll ein Anti-Doping-Gesetz den Abschreckungseffekt erhöhen. Sollte ein „sauberer Sport“ also ohne Gesetze doch so fern ab der Wirklichkeit liegen? Ein Gedankenkonstrukt sein?
Ines Geipel
Ines Geipel © privat

„Nein!“, sagt Ines Geipel: „Ein sauberer Sport wäre keine Hexerei. Es ist lediglich eine Frage der Haltung.“ Dabei war auch sie gedopt. Unwissentlich! Aber die heute 54-jährige ehemalige Athletin der Leichtathletik-Nationalmannschaft der DDR weiß um ihre eigene „Kriminalität“. „Es war ein sehr bitterer Moment, als ich erfahren habe, dass ich meine Leistungen nicht fair erzielen konnte“, gesteht sie. Daraus zog sie ihre eigenen Konsequenzen und dabei begann ihre Sportlerkarriere doch eigentlich sehr vielversprechend, wenngleich erst ziemlich spät.

Erst mit 17 Jahren kam Ines Geipel zur Leichtathletik. Aus einer „Notsituation“ heraus, wie sie selbst sagt. Schnell wurde damals der SC Motor Jena auf die talentierte Athletin aufmerksam. „Da hieß es ‚Du bist würdig genug, um in unser medizinisches Programm aufgenommen zu werden.’ Das Wort ‚Doping’ gab es in der DDR nicht.“ Und schon war sie drin – ohne zu wissen, worin und worum es überhaupt ging. Heute könne man von einem Großfeldversuch für Staatsdoping, einem „ausgetüftelten Enteignungsprogramm“ sprechen, in das rund 15.000 Sportler eingegliedert waren.

Entzogenes Wissen ist das grausamste Wissen

Einen Vorwurf macht sie ihrem damaligen Trainerstab, den Physiotherapeuten und weiteren Wegbegleitern aber nicht. „Sie waren alle ein Teil eines Systems, das völlig entglitten ist.“ Nur sie selbst, sie wäre gerne klüger gewesen, denn entzogenes Wissen sei das grausamste Wissen. Ihrer Meinung nach ist das Staatsdoping der DDR immer noch nicht vollends aufgearbeitet. „Das war Missbrauch pur und wir müssen diese Entgleisung im Kern verstehen sonst wiederholt sie sich.“

Dazu trägt auch sie ihren Teil bei. Noch heute hält ihre Staffel, die Staffel des SC Motor Jena, mit Marlies Göhr, Bärbel Wöckel und Ingrid Auerswald den 4×100 Meter Vereins-Weltrekord mit 42,20 Sekunden. Doch der Name Ines Geipel taucht in den Rekordlisten des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV) nicht mehr auf. Sie hat ihn 2005 streichen lassen. Das erschien ihr selbst so logisch wie notwendig: „Die Leistung ist nicht sauber erzielt worden. Egal, wie die Bedingungen waren.“ Aus diesem Grund dürfe sie auch keinen Bestand haben.

Und sie geht noch weiter: „Rekorde sind ein ethischer Maßstab. Wenn sie falsch sind, können sie nicht gelten.“ Es drückt den Wunsch aus, dass der DLV, der sich auf seiner Website selbst als „Vorreiter unter den Sportverbänden im Kampf gegen Doping auf nationaler und internationaler Ebene“ beschreibt, die Leistung der gesamten Staffel streichen sollte und so den Rekord wieder „freigibt.“ Ines Geipel hat ihren Teil dazu bereits beigesteuert. Alles andere liegt in diesem Fall nun in den Händen des Verbandes.

Doch damit ist das Thema für Ines Geipel noch längst nicht erledigt. Als Vorsitzende der Dopingopferhilfe weiß sie, wovon sie spricht. Jeden Tag bekomme sie Schadensgeschichten junger Athleten auf den Tisch. Sie gibt zu: „Jedes dieser Schicksale berührt mich.“ Kategorisieren möchte sie diese Fälle jedoch nicht. Eine Zuordnung in schlimm, schlimmer und am schlimmsten mache in ihren Augen wenig Sinn. Das Problem hierbei sei der entgleiste Elitesport als Ganzes: „So sind Betrugssysteme wie zum Beispiel der Fall Armstrong möglich.“ Auch deswegen war es ihr so wichtig, dass die Bundesregierung einen Entschädigungsfonds für DDR-Dopinggeschädigte einrichtete.

DDR-ismus in der Gegenwart
Ein wesentliches Problem was das Doping heutzutage angehe, sei auch die zu hohe Erwartungshaltung der Funktionäre und vielleicht auch der Trainer. Nachdem als Resultat öffentlicher Recherche bei den Olympischen Spielen in London 2012 die Medaillenvorgaben des DOSB offengelegt werden mussten, wurde deutlich, wie realitätsfern diese Erwartungen teilweise sind. „Diese Vorgaben sind der blanke DDR-ismus. Es ist ein altes, totes System, von dem wir uns emanzipieren müssen, wollen wir den immer selben Missbrauch der Athleten verhindern.“

Den Druck, durch zum Beispiel Medaillenvorgaben bestimmte Ergebnisse abliefern zu müssen, versteht Ines Geipel nicht als Förderung. In den Kommerzsportarten gebe es eine lange Interessenskette. „Jeder darin verdient etwas am Doping“, sagt sie. „Der Druck war schon immer groß, aber heute scheint er alternativlos.“ Der Sport lege unterdessen zu wenig Wert darauf, dass die Athleten autark werden und sich in einem Klima entwickeln, in dem sie ihre Leistungsgrenzen tatsächlich abrufen können. Stattdessen werden „Abhängigkeiten und Systemdruck immer stärker.“

Gleichzeitig würden ihr die Aussagen von Doping-Experten zu denken geben. „Das Testsystem ist zwar besser geworden, aber es ist dennoch unsagbar schlecht“, findet auch die ehemalige Top-Athletin. Gemessen daran, was an Chemie im Umlauf sei, schaffe es nicht einmal die Hälfte der Dopingsubstanzen in die Tests zu kommen. Will man den Sport also wieder gerechter machen, müsse man ihn gesellschaftlich zur Diskussion stellen statt ein „Effizienzsystem um Glanz und Kohle, das nichts mehr mit einem autonomen, freien Sport zu tun hat, zu installieren.“

Eine Frage der Haltung
Ein sauberer Sport ist also eine Frage der Haltung. „Es bringt nichts, dieses Thema moralisch anzugehen.“ Viel mehr müsse man um die generelle Verführbarkeit wissen. In Geipels Augen ist es noch ein langer Weg bis zur Tabuisierung. Sie hat schon die ersten Schritte unternommen, andere müssen nachziehen. Ihre Botschaft ist klar und unmissverständlich: „Doping ist kein Vorteil – es ist ein kreuzgefährlicher Nachteil.“ Das hat auch sie schon spüren müssen. Unwissentlich.

 

Erschienen auf: f1rstlife

Daniel Schüler

Geboren im Westerwald hat es Daniel für den Studiengang Journalistik nach Köln gezogen. Erste Praxiserfahrungen sammelte er bereits zuvor bei der Rhein-Zeitung, für die er heute noch als freier Autor tätig ist, oder beim SWR. Während seines Studiums lernte er zudem die praktischen Abläufe bei Radio RPR1, dem ARD Morgenmagazin, der ARD Sportschau, dem ZDF und stern TV kennen. Dies hilft ihm auch bei seinen Moderationen. Darüber hinaus betreut Daniel aktuell die Social Media-Auftritte der Olympiamannschaft für den DOSB.

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