FLUG 4U9525 – Ein Vor-Ort-Bericht aus Montabaur

Einige Journalisten sagten unserem Autor Daniel Schüler, dies sei ein guter, ein spannender Tag für einen Journalisten. Daniel sieht das anders. Als Student im Praxissemester bei RPR1 war auch er in Montabaur aufgrund des Absturzes der Germanwings-Maschine unterwegs. Bei uns beschreibt er seine Eindrücke.

Ich schaue auf mein Handy. Mein Sperrbildschirm ist überladen mit Nachrichten, die ich lieber nicht gelesen, nein, gar nicht erst erhalten hätte. Nachrichten-Apps mit den neuesten Meldungen, SMS und Whatsapp-Nachrichten von Freunden und Bekannten mit den Fragen: „Weißt du schon mehr? Stimmt das wirklich? Du bist doch gerade beim Radio und wohnst in der Ecke?“ – „Verdammt!“, sage ich laut, umgeben von ein paar Polizisten.

Längst wissen wir, dass niemand der 150 Insassen das Flugzeugunglück überlebt hat. Doch trotzdem scheint alles naja, wie immer zu sein. Mein Tag beginnt mit einem Briefing durch den Redaktionsleiter: Schon seit dem frühen Morgen blockieren Atomwaffengegner die Hauptzufahrten zum Fliegerhorst in Büchel, denn hier sollen noch rund 20 US-Atomwaffen lagern. Ich unterhalte mich vor Ort mit ein paar Polizisten, zwei von ihnen kenne ich aus meiner Schulzeit – die Lage ist entspannt. Dann schaue ich auf mein Handy.

Mir ist klar, was jetzt kommt: Ich muss zurück – schnell. Gleich wird mein Handy klingeln und mein Redaktionsleiter wird sich melden. Es hat keine zwei Minuten mehr gedauert. Ich mache mich auf den Weg, springe in Koblenz aus dem Auto und durchs geöffnete Fenster in die Redaktion. „Wir müssen sofort nach Montabaur!“, schallt es mir entgegen. Ich will nicht. Und irgendwie weiß ich doch: Ich muss. Nicht aus dem Grund, warum gerade wohl auch hunderte andere Journalisten auf dem Weg in die Kreisstadt sind, nein, ich habe schon jetzt andere Gedanken.

Wir springen ins Auto. Ich fahre, mein Kollege bereitet sich neben mir vor. Ich fühle mich etwas verunsichert, wenngleich gut vorbereitet. Erst im letzten Semester hatte ich das Fach Medienethik. Wir sprachen damals über Flug MH17, James Foley, Uli Hoeneß und viele andere Fälle, die in den Medien für Aufsehen gesorgt haben. Und damit stets über Fälle, bei denen man die Art und Weise der Berichterstattung vieler Journalisten zumindest kritisieren konnte und auch hinterfragen musste. Ich denke, dass ich genau weiß, warum ich jetzt gleich in Montabaur bin. Ich bereite mich mental auf einige Konfrontationen vor, durchkämme meinen Kopf nach Informationen über den Co-Piloten. Er ist mir zumindest bekannt, ich „kenne“ ihn vom Sport. Viel weiß ich dennoch nicht.

In Montabaur bietet sich mir ein seltsames Bild. Überall Autos, mit Kennzeichen aus ganz Deutschland; Übertragungswagen mit großen Satellitenschüsseln auf den Dächern – alle wild durcheinander abgestellt. Und dann ist da noch die Menschentraube in der Flughalle. Mein Beifahrer springt aus dem Auto, eilt hinüber. Ich bemühe mich, mit unserem Auto möglichst niemanden zu blockieren. Ich steige aus und halte mich zunächst im Hintergrund auf. Ich lausche ein paar Journalisten, unterhalte mich mit einer Dame vom Deutschlandradio. Sie ist der gleichen Meinung wie ich, hält Abstand.

Ich erinnere mich an einen Facebook-Post von Komödiant Michael Kessler: „Zehn Dinge, die wir nach einer Flugzeugkatastrophe nicht sehen/hören/lesen wollen.“ Schon jetzt könnte ich diese Liste um mindestens zehn weitere Punkte ergänzen. Noch immer halte ich mich zurück. Ich nehme mir Zeit zum Bewusstwerden, zur Selbstreflexion – ich habe gelernt, wie wichtig das ist. Einige der Journalisten vor mir scheinen das vergessen, vielleicht sogar verdrängt zu haben. Mir wird klar, auch mein Weg wird heute wohl noch zum Elternhaus des Co-Piloten führen und mir wird klar, warum ich wirklich hier bin: Weil ich noch nicht so viel erlebt habe; weil ich noch nicht von der Berufsroutine ergriffen bin; und weil ich mir ruhig etwas Zeit nehmen kann.

Ich parke das Auto an einer Hauptstraße, den Rest des Weges zum Haus gehe ich zu Fuß. Ich kann mir schon denken, was mich dort gleich erwartet. Mein Mikrofon mit dem RPR1.-Schriftzug habe ich in meine Tasche gepackt. Niemand sieht mir an, dass ich von der Presse sein könnte. Es sind keine 200 Meter mehr. Gleich fünf Journalisten sprechen mich auf dem Weg an, fragen, ob ich was sagen könne. „Nein, sorry“, sage ich höflich, und hoffe insgeheim im Sinne der Familie des Co-Piloten, dass die Leute, die wirklich was zu erzählen haben, ebenfalls schweigen.

Ich sehe das Haus – inklusive einer riesigen Menschenmenge an Journalisten mitsamt Kameras und allem, was noch dazugehört. Unauffällig stelle ich mich zu ein paar Interviews dazu. Einige erzählen Dinge, von denen ich sicher sagen kann, dass sie zumindest so nicht stimmen. Das ärgert mich. Ein anderer Journalist nennt vor der Kamera den vollen Namen des ersten Offiziers. Nach seinem Beitrag frage ich, wieso „Andreas L.“ nicht ausgereicht hätte. Seine Antwort empört mich ebenfalls: „Wir sagen ja auch nicht Osama B. L., Kleiner.“

Auch einige Antworten einiger Passagen ärgern mich – maßlos: „Wir können eben keinem Menschen mehr vertrauen“, ist da beispielsweise zu hören. Oder: „Wie kann man so wen nur ins Cockpit lassen?“ Ich frage nach, ob die Person meint, dass man ihm seine Tat unter Umständen hätte ansehen können? Ob sie das hätte erkennen können? Ich bekomme keine Antwort.

Ein weiterer Journalist setzt dem Ganzen für mich die Krone auf. Er fragt, wie man die Eltern nun bestrafen müsse, denn „die haben ja wohl vollkommen versagt“. In mir brodelt es. Ich gehe dazwischen, frage, was das soll. „Halten Sie sich da raus, Sie sind ja kein Journalist“ – „Ihrer Frage nach zu urteilen, Sie auch nicht“, entgegne ich ihm. Er wird sauer, fragt, was ich mir einbilde. Wir diskutieren. Schließlich wendet er sich wortlos ab.

Von dieser Art von Journalisten gibt es hier viele. Für meinen Geschmack zu viele. Und doch sind zum Glück nicht alle so. Einige halten sich im Hintergrund auf, führen keine Interviews, denken einfach nur nach. Einige gehen, ohne was getan zu haben. Sie gehen ohne Foto, ohne Filmsequenz und ohne O-Ton. Sie machen es richtig, denn mehr als zu sagen, dass die Staatsanwaltschaft derzeit das Haus durchsucht, bleibt ihnen sowieso nicht übrig. Der Rest macht aus wenig Informationen viel und sorgt dafür, dass wir später im TV immer wieder die gleichen Beiträge in einer Endlosschleife mit nur wenig neuen Erkenntnissen sehen werden.

In der Zwischenzeit habe ich mich etwas beruhigt. Mein Handy klingelt. Es ist eine Kommilitonin aus Frankreich. Ein französisches Fernseh-Team sei gerade auf dem Weg zum Haus, ob ich was sagen könne. Ich sage „Ja, kein Problem“ und warte. Wir treffen uns, sie schalten ihre Kameras an und ich werde gefragt, was ich alles weiß. „Sicher nicht mehr als Sie“, sage ich ihr zunächst, schiebe dann hinterher, dass Andreas sportlich war, um bei ihr den Eindruck zu erwecken, dass ich mehr weiß und sie das Interview nicht abbricht. Dann erzähle ich ihr, was ich soeben erlebt habe. Dass es wichtig ist, dass die Journalisten hier keinen Hass schüren; dass Mord-Drohungen gegenüber der Familie das Unangebrachteste überhaupt sind und dass wir auch nicht denken dürfen, dass nur wenn wir erfahren, was wie und warum passiert ist, wir es ungeschehen machen können. Wir müssten mehr differenzieren und uns besonders jetzt Zeit nehmen; weniger unüberlegt handeln. Die Dame beendet das Interview.

Mir ist klar, dass von diesem Interview nicht viel mehr gezeigt wird als meine Aussage zur Sportlichkeit – wenn überhaupt. Aber in der Hoffnung von mir eine Aussage „abgreifen“ zu können, haben sich schnell ein paar weitere Journalisten um uns versammelt. Sie fragen mich, ob ich Zeit für ein kurzes Statement hätte. Ich antworte: „Sorry, ich bin selbst Journalist, ich habe nur kurz die französischen Kollegen ins Bild gesetzt“ und zeige mein RPR-Mikrofon. Sie gucken erstaunt. Wenigstens wissen sie jetzt, was ich über sie denke. Ich gehe zum Auto und fahre.

Abschließend: Ich verstehe das Missfallen, vielleicht auch den „Hass“ gegenüber dieser Art von Journalisten und der Berichterstattung. Aber der Fairness halber muss ich hier festhalten: Auch hier müssen wir differenzieren. Es ist falsch, auf alle Journalisten einzuprügeln, die berichten (wollen). Einige verhalten sich angemessen, denken über das nach, was sie machen sollen, reflektieren. Und: Wir dürfen nun nicht automatisch die Fähigkeit und Eigenarten der Menschen hinterfragen und dabei vergessen, dass wir selbst welche sind.

Erschienen auf: f1rstlife

Daniel Schüler

Geboren im Westerwald hat es Daniel für den Studiengang Journalistik nach Köln gezogen. Erste Praxiserfahrungen sammelte er bereits zuvor bei der Rhein-Zeitung, für die er heute noch als freier Autor tätig ist, oder beim SWR. Während seines Studiums lernte er zudem die praktischen Abläufe bei Radio RPR1, dem ARD Morgenmagazin, der ARD Sportschau, dem ZDF und stern TV kennen. Dies hilft ihm auch bei seinen Moderationen. Darüber hinaus betreut Daniel aktuell die Social Media-Auftritte der Olympiamannschaft für den DOSB.

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